Gedanken im Lokalradio

Annika und Max haben ein paar Gedanken dazu geäußert, warum der Besuch einer Gedenkstätte viel mit dem aktuellen politischen Engagement von Jugendlichen zusammenhängt. Zu hören war das in den Lokalradios in NRW oder jetzt auf deren Internetseite:

Klick!

Werbeanzeigen

Widerstand leisten!

Martin Helfrich, BDKJ Diözesanvorsitzender in unserer Partnerdiözese Hamburg, hat seine Gedanken aus dem Workshop „Jugend-Widerstand“ aufgeschrieben. Wir teilen sie sehr gerne an dieser Stelle:

Die Geschichte des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime ist betrüblicherweise keine besonders rühmliche – denn offenkundig war sie nicht von Erfolg: Es waren nicht die Deutschen, die Adolf Nazi zur Strecke brachten, sondern der verlorene Krieg.

Und dennoch gab es Gruppen, die sich eingesetzt haben gegen die Nazis, die aktiv und passiv Widerstand geleistet haben. In einem von vielen Workshops am Samstag der Bündnisfahrt in Oświęcim blicken wir besonders auf Jugendgruppen.

Es waren verschiedene Motive und Angehöriger verschiedener Milieus, die Menschen antrieben.
Der Swing als Jugendkultur vor allem des gehobenen Bürgertums diente als muskalisch-anglophile Abgrenzung zur militaristischen Hitlerjugend, der man – nicht nur, aber auch – aus hedonistischer Perspektive nichts abgewinnen konnte; die Edelweißpiraten sahen sich, vielfach aus Arbeitermilieus stammend, in der Tradition der Bündischen Jugend, die auch Pfadfinderverbände bis heute prägt; die Mitglieder der Weißen Rose nahmen als junge Akademiker eine konservativ-intellektuelle, christlich geprägte Perspektive ein; konfessionelle Organisationen konnten ihr Menschenbild und Moralvorstellungen nicht mit denen der Nazis vereinen und fühlten sich zu Widerstand verpflichtet ebenso wie politische Gruppierungen und Parteijugenden, wie etwa junge Gewerkschafter_innen, Kommunist_innen und Sozialdemokrat_innen.

Ähnlich vielfältig ist heute unser Bündnis “Dass Ausschwitz nie wieder sei!”. Nicht ganz selbstverständlich! Wie viele Gespräche haben wir geführt, wie viele Bedenken ausräumen müssen und befremdete Reaktionen erfahren: wie kommt es bloß, dass der BDKJ mit dabei ist? Viele Kolleg_innen empfinden es als ungewohnt, scheinbar “Kirchenvertreter” dabei zu haben.

Ich erkläre dann, dass wir nicht eine “Kirchenjugend” sind, sondern selbstorganisierte und -bestimmte, demokratisch strukturierte Jugendverbände – gebildet aus Menschen, die sich eben auch mit christlichen und katholischen Werten identifizieren. “Ich glaube an Gott”, sage ich während dieser Tage häufiger, als es im Standard-Frage-Antwort-Spiel der katholischen Messe vorgesehen ist: nicht als pathetisches Glaubensbekenntnis, aber um unsere Motivation zu begründen.

Als junger Christ engagiere ich mich, um die Gesellschaft, in der wir leben, zu verbessern. Es ist uns linken Organisationen – kirchlichen Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien und anderen Verbänden mit roten Logoi – gemeinsam, dass wir Fortschritt für die Menschen wollen: dass das Leben gelingt, Ungerechtigkeit überwunden wird, es eine Perspektive jenseits einschränkender Herrschaftsverhältnisse gibt.

Als Pfadfinder bin ich “allzeit bereit”. Als ich mein erstes Tuch erhielt, habe ich meinen Leitern stellvertretend für alle anderen in die Hand versprochen, “mein Bestes zu geben”. Robert Baden-Powell, der Gründer der Weltpfadfinderbewegung, stellt das auch in eine christliche Tradition: “Christus gab sein Leben, um uns ein Beispiel zu geben, nämlich ‘bereit zu sein’ die richtige Sache für andere zu tun.”
Das Denken allein reicht dafür nicht, wir müssen auch was tun – sonst ändert sich nichts: “Ein[e] Pfadfinder[In] ist aktiv darin, Gutes zu tun, nicht passiv, gut zu sein. … Wende dich zur richtigen Seite und gehe vorwärts”, sagt B.P.

Ich habe nicht ganz so viel geredet, wie ich geschrieben habe – aber wir stellen fest, dass jede_r einen individuellen Rucksack an Tradition und Motivation mitbringt. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, der nicht der “kleinste gemeinsame Nenner” ist, denn er ist eigentlich ziemlich groß:

“Dass Ausschwitz nie wieder sei”, dafür sind wir bereit, uns wenn nötig mit ganzer Kraft einzusetzen.

Der letzte Tag

Nadia schreibt noch einmal und berichtet vom letzten Tag der Gedenkstättenfahrt.

Der letzte Tag der Fahrt war sehr gelungen. Für die Workshops sind wir nach Oswiecim gefahren. Viele Ehrenamtliche aus den verschiedenen Verbänden haben einen Workshop inhaltlich vorbereitet. Außerdem gab es die Möglichkeit nach Auschwitz III Monowitz (das Arbeitslager, in welchem vor allem für I.G. Farben produziert wurde) zu fahren, uns auch gab es die Gelegenheit auf ein Gespräch mit einer Zeitzeugin. Esther Bejarano hatte im Lagerorchester von Auschwitz gespielt und konnte so überleben. Diese Frau ist über 90 Jahre alt und ist extra aus Hamburg angereist, um uns ihre Geschichte gleich zweimal zu erzählen. Ich habe ihren Worten nicht gelauscht, aber mit wurde sehr viel davon erzählt! Stattdessen habe ich zwei der Workshops besucht.
Der am Vormittag behandelte das Thema „Heime für Zwangsarbeiterinnenkinder“. Mit wirklichen Kinderheimen hatte das ganze allerdings nichts zu tun. Eher handelte es sich dabei um Tötungsstationen für „nicht germanisierbare“/willkürlich aussortierte Säuglinge mit einer 100 %igen Sterberate. Was mich dabei besonders erschütterte war, dass es diese „Heime“ flächendeckend im Reich gegeben hat, wir aber so wenig darüber wissen und selten davon hören. Wobei so viele Menschen mitbekommen haben müssen, was in ihrer Ortschaft passiert ist.
In dem Workshop am Nachmittag ging es um Frauen im KZ. Der erste Teil behandelte Themen wie sexualisierte Gewalt, Lagerbordelle und Sexzwangsarbeit in den Konzentrationslagern. Wir haben sehr intensiv darüber diskutiert und hatten daher nicht mehr allzu viel Zeit für den Zweiten Teil: Die Täterinnen in den KZs. Beide Themen haben mich sehr interessiert und bewegt.
Es gab auch einen Workshop mit dem Thema Homosexuellenverfolgung. Die Nationalsozialisten hatten die „Rosa Listen“ angelegt – ein Karteikartensystem, mit dem sich nachverfolgen ließ wer mit wem gegen den Paragraphen 175 verstoßen hatte. Als mir ein frisch gewonnener Freund davon berichtete, machte ich mir Gedanken darüber, dass wir heute so viele Dinge freiwillig über die sozialen Netzwerke preisgeben. Die Nationalsozialisten hätten es heute bei uns leicht, andersdenkende Menschen heraus zu filtern.
Nach dem Abendessen fuhren wir in einen Club nach Krakau – eine große Party für alle tausend Leute. Einige sind schnell ins Hostel oder was trinken gegangen, weil sie sich zum Teil nicht richtig dabei fühlten, am Ende einer solchen Gedenkstättenfahrt zu feiern. Das konnte ich zwar gut verstehen, ich hatte aber doch einen Grund zu feiern und fröhlich zu sein. Wir haben so ein großes Glück, zu dieser Zeit an diesem Ort geboren worden zu sein. Dabei geschieht auf der Welt so viel Unglück. Und lange ist es nicht her, dass in unseren Regionen unglaublich grausame Dinge passiert sind. Auch erfüllt es mich mit Hoffnung und einem guten Gefühl, wenn ich daran denke, dass 1000 Menschen aus den verschiedensten Orten in Deutschland, Österreich und Israel diese Erfahrungen in die vielen Verbände tragen.
Am Hostel angekommen, habe ich mich eine Menge mit den Menschen aus NRW ausgetauscht. Es wurde viel erzählt und wir waren uns bei allen Diskussionen einig, dass dieses Bündnis bestehen bleiben und diese Fahrt in ähnlicher Form noch einmal durchgeführt werden muss! Als dann zwei Gitarren rausgeholt wurden und wir vor der Tür zu singen anfingen wusste ich, dass ich diese Nacht nicht schlafen würde.
Den Schlaf konnte ich wunderbar bei 14 Stunden Busfahrt nach holen, nur mein Nacken tut weh. In Köln angekommen, habe ich mich mit ein paar Freunden und Freundinnen auf ein Bier getroffen und konnte gar nicht aufhören, von den letzten Tagen zu berichten.
Als ich heute (der Montag nach der Fahrt) im Supermarkt einkaufte und dankbar war für die Möglichkeit, so einfach an Lebensmittel kommen zu können, sprach mich eine Frau in der Schlange an. Sie beschwerte sich darüber, dass keine zweite Kasse aufgemacht würde. Ich bin mit ihr ins Gespräch gekommen über die Arbeiterausbeutung in und durch deutsche Supermärkte, während ich darüber nachdachte, wie dekadent wir sind.

Fotoalbum

Ich habe einen Teil meiner Fotos der Gedenkstättenfahrt bei Flickr hochgeladen. Die meisten Bilder sind auch auf einer Karte eingetragen, so dass ihr den Standort nachvollziehen könnt. Für größere Auflösungen einzelner Bilder schickt mir eine Nachricht. Gerne erkläre ich auch noch genauer als in den Bildbeschreibungen, was auf den Fotos zu sehen ist.

Link zum Fotoalbum

 

70yllf.de

Unter der Domain des Hashtags „70yllf“ (70 years later, looking forward), der die Fahrt begleitete, findet sich auch das „offizielle“ Weblog der Gedenkstättenfahrt. Dort gibt es ein paar allgemeine Informationen und sicherlich wird da auch noch mehr Material veröffentlicht werden.
Wir laden herzlich ein, dort zu stöbern oder auch Material zu hinterlassen.

Am besten per E-Mail: 70yllf@gmail.com

Gegen das Vergessen

Rebekka Biesenbach, Theologische Referentin des BDKJ DV Köln, hat die Fahrt begleitet und fasst ihre Eindrücke zusammen:

Die Fahrt ist fast vorbei, ich sitze im Bus auf dem Weg nach Hause. Polen haben wir bereits hinter uns gelassen. Ereignisreiche Tage liegen hinter mir und vielen anderen jungen Menschen und irgendwie scheint es mir gerade richtig, meine Gedanken zu sammeln und niederzuschreiben. In den letzten Tagen habe ich es einfach nicht geschafft meine Gedanken schriftlich festzuhalten.

Vor der Fahrt lag mein Hauptanliegen darin, Teil der geplanten, wohl einzigartigen, Gedenkzeremonie zu sein. Es reizte mich, trotz oder gerade wegen der Unterschiedlichkeiten der einzelnen Bündnispartner, gemeinsam mit ihnen inhaltlich am gemeinsame Ziel zu arbeiten, „dass Auschwitz nie wieder sei“. Sich deutlich „gegen das Vergessen“ einzusetzen, eine neue Erinnerungskultur mitzugestalten und so die dunklen Kapitel unserer Geschichte wachzuhalten ist genauso wichtig, wie sich gegen jede Form von Ungerechtigkeit in der Gegenwart zu stellen. Dabei ist es egal, ob die Motivation aus dem Glauben heraus erwächst, wie bei uns im BDKJ, oder weil man sich aus Vernunftgründen für die gemeinschaftstragenden Werte einsetzt..
Schon auf dem Vorbereitungstreffen habe ich gemerkt, dass man als „die Katholische“ abschreckend und anziehend zugleich ist. Gespannt war ich, ob diese Unterschiede / Vorurteile verblassen.

Da ich schon mehrfach Impression aus Krakowin Kraków war, war meine Freude auf diese, für mich wunderbare Stadt sehr groß. Die Liste der Dinge, die ich noch mal sehen, essen oder erleben wollte, war lang – viel zu lang für die Tage unserer Fahrt. Aber dessen war ich mir bewusst und die Lösung des Problems ganz einfach: Ich komme wieder!

 

Ein Großteil des inhaltlichen Programms war für mich nicht neu, so lag die Spannung für mich zum großen Teil auf der Frage: Wie wird es dieses Mal sein und welche Gefühle / Erfahrungen verändern sich?
Weiterlesen

Zum Schluss…

Bald haben wir es geschafft, eine knappe Stunde noch. Zum Abschluss möchte ich noch etwas anderes tun: Einen Musiktip geben. Ein Stück habe ich während der letzten Tage besonders oft gehört. Ohne tiefgründige Texte, einfach etwas schönes, das mir mit einer tollen Mischung aus dissonant anmutenden Klängen, Harmonie, Lebendigkeit und Ruhe geholfen hat, meine Gedanken zu ordnen oder einfach abzuschalten.

Keith Jarrett, The  Köln Concert (vor allem der erste Track)

https://m.youtube.com/watch?v=eKNQSSNNag8

Gedenken und Erinnern

Ich habe nicht geweint in Auschwitz. Und das hat mich verwirrt.

Vor der Fahrt habe ich in einem Gespräch mit einer guten Freundin formuliert, dass ich regelrecht erwarte, mich emotional mitnehmen zu lassen von der Geschichte des Ortes und der Opfer. Es schien mir für mich fast unangemessen angesichts des unfassbaren Leides, wenn es mich nicht überwältigen würde.

Ich konnte die Bilder, die ich kenne aus Filmen, von Fotografien, beschrieben in Biografien, nicht mit dem Ort zusammenbringen, den ich erlebt habe. Beziehungsweise: Mir war klar, dass diese Verbrechen, die Misshandlungen und Entwürdigungen genau an diesem Ort stattgefunden haben. Und dennoch ist mir das irgendiwe fern, irgendwie äußerlich geblieben.

Das Stammlager ist gut erhalten. Die Häuser und Baracken stehen noch, sind teilweise noch in genau dem gleichen Zustand, in dem sie zur Zeit des Nazionalsozialismus waren. Aber gerade jetzt, im Sommer, ist es überall grün. Dieser Kontrast ist noch größer in Birkenau, dem um einiges größeren Lager. Dort stehen zumeist nur noch die Fundamente der Holzbaracken. Die Krematorien sind Trümmmerhaufen. Die Wiesen sind hoch gewachsen – wir haben auf dem Gelände einen Turmfalken und einen Fuchs beobachtet. Und überall meterhohe Stacheldrahtzäune, bedrückend und beengend. Wenn die Sonne scheint, wirkt die Landschaft surreal, so wenig passt das zusammen.

Nach der bewegenden Gedenkzeremonie musste ich auf dem Rückweg feststellen, dass nicht eingetreten ist, was ich erwartet hatte, dass sich meine Gefühle keine Bahn gebrochen haben. Daran hatte ich zu knabbern: Was war da schief gelaufen? Natürlich reagiert jede*r Mensch anders, aber vor dem Hintergrund meiner Erwartungen war das im ersten Moment ein ungutes, defizitäres Gefühl und ich habe eine Weile gebraucht, um das zu akzeptieren.

Im Endeffekt bin ich froh, dass ich keine Gelegenheit bekommen habe mich in eine reine Emotionalität zu steigern, sondern einen gewissen Abstand wahren konnte. Denn es ist doch so: Egal wie viel ich mich hinenfühle, wie sehr ich dem Leiden nachhänge, ich werde es – zu meinem unfassbar großen Glück – niemals erfassen können. Dieser Anspruch wäre es, der den Opfern nicht gerecht werden würde.

Gedenken und Erinnern, das sind Worte, die Abstand irgendwie beinhalten, mal kleineren, mal größeren.

„Ihr tragt keine Schuld für das, was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ sagt Esther Bejarano, eine Zeitzeugin die Auschwitz überlebt hat. Mir ist es wichtig, das Gedenken und Erinnern des Holocaust, mit der aktuellen politischen Situation zu verbinden, denn das ist unsere Verantwortung.

In noch einer Situation bin ich von mir selbst überrascht worden. Die ganze Zeit war ich mir sicher, dass eine gemeinsame Abschluss-Party nichts für mich ist, nicht zu meiner Gefühlslage passt, vielleicht sogar ein wenig deplaziert ist.

Aber es hat mir unfassbar gut getan – zu lachen, zu quatschen, zu feiern.

Ich war nicht nur in Auschwitz: Ich habe neue Menschen kennen gelernt, Freund*innen gefunden, gestritten und gelacht. 1000 Junge Menschen sind zusammengekommen in einem Bündnis, weil sie alle etwas tun wollen, damit Auschwitz nie wieder sei. Und das, so sagte meine Sitznachbarin auf der Rückfahrt, das muss man auch feiern.

Katholisch oder was?

Ungewohnt, sich im Verbandskontext, aber NICHT in den katholischen Jugendverbänden zu bewegen. Das fällt mir heute auf: Der Referent erklärt zum (mittelalterlichen) Vorwurf, dass Jüdinnen und Juden Hostien stehlen, Fachbegriffe: 

„Hostien – das ist so eine Art religiöses Gebäck.“

„Vergesst die Liebe nicht“

Ich denke heute viel über Freiheit nach. Über Freiheit, Liebe und meinen Glauben.

Ich sehe viel Bedrückendes, Furchtbares, Einengendes.

Die Freiheit macht uns zum Menschen. Ich sehe, wie Menschen Freiheit genommen wurde, Freiheit und Menschlichkeit, auf eine radikale, nie dagewesene Art und Weise. Und Freiheit und Liebe, das gehört zusammen, untrennbar. Denn wenn Liebe nicht in vollkommener Freiheit geschenkt wird, ist sie nicht mehr das: Liebe. Die Liebe macht uns zum Menschen.

„Vergesst die Liebe nicht“ war das, was Maximilian Kolbe seinen Mitbrüdern mit auf den Weg gab, als er deportiert wurde. Er ist ein eindringlicher Beweis dafür, dass es selbst hier in Auschwitz Liebe gegeben hat, bedingungslose Liebe bis zur Selbstaufgabe. Auch das sehe ich heute.

Und absolute Liebe, das nenne ich Gott. Daran glaube ich.

Im Rahmen der Gedenkzeremonie bekomme ich mit allen anderen die Möglichkeit eine Blume an einem Ort abzulegen, der mich besonders berührt hat. Meine Rose lasse ich an einem Zaunpfahl blühen, neben einem vergitterten Tor, das heute offen steht.

Denn für mich ist klar: Freiheit, Liebe und Menschlichkeit lassen sich nicht einzäunen, lassen sich nicht auslöschen, lassen sich nicht vernichten. Für diese Überzeugung setze ich mich ein, setzen sich 1000 Junge Menschen heute hier mit mir ein: Dass Auschwitz nie wieder sei.

Freitag (Nadia)

Meine Gruppe konnte heute ein bisschen ausschlafen. Im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen haben wir uns erst relativ spät getroffen. Nach ein paar letzten Absprachen ging es auch schon los nach Auschwitz. Leider dauerte die Fahrt länger als gedacht, deswegen hatten wir keine Zeit zum Mittagessen. Zuerst bekamen wir die Führung durch das Stammlager. In den Baracken befindet sich jeweils eine Ausstellung. Wir konnten uns drei davon ansehen und haben einen ganz guten Überblick über die damalige Situation in den Lagern bekommen. Außerdem wurde uns das Ausmaß der Vernichtung deutlich. Es ist unbegreiflich, wie so viele Menschen aus ganz Europa fast unbemerkt verschleppt und ermordet werden konnten. Die Grausamkeit zeigte sich in so vielen Momenten: 

Die Stehbunker – enge Räume mit geringer Luftzufuhr, in denen vier Personen in völliger Dunkelheit genau so wenig Platz hatten, dass sie stehen mussten und sich nicht hinknien konnten.

Die ganzen Haare – ein riesiger Klumpen, dessen Farbe fast einheitlich wirkt. Es ist unvorstellbar, an wievielen Köpfen sie wohl gewachsen sind sowie die Tatsache, dass sie zur Produktion von beispielsweise Teppichen verwendet wurden.

Die Schuhe, die zum großen Teil sicherlich einmal wunderschön ausgesehen haben müssen, bevor sie bei der Arbeit ausgelatscht wurden und/oder in der riesengroßen Vitrine verstaubten. Man mag kaum versuchen, sich vorzustellen, wie viele Füße darin gesteckt haben.

Am Meisten haben mich die Koffer berührt. Den Menschen wurde zur Deportation erklärt, sie sollen ihren Namen und Gebutsdatum auf die Koffer schreiben, damit sie später zugeordnet werden konnten. Natürlich haben sie ihre Habseligkeiten nie wieder gesehen. Ich konnte mir schnell ausrechnen, dass das Waisenkind Hanna Fuchs wahrscheinlich nur neun Jahre alt geworden ist, als ich ihren Koffer sah.

Das Krematorium im Stammlager (Auschwitz I) ist noch erhalten. Ein bewegendes Gefühl, die Gaskammer lebend zu verlassen.

Anders ist es bei den Krematorien in Birkenau (Auschwitz II), die wurden von den Nazionalsozialisten gesprengt, um die Beweise zu vernichten. Birkenau ist riesig groß. Ich konnte kaum bis zum Ende schauen. Zu großen Teilen hat sich die Natur dort in voller Schönheit ausgebreitet. Man mag sich kaum vorstellen, dass in dem kleinen Tümpel mit den Mini-Fröschen einmal regelmäßig die Asche von Leichen hineingeschüttet wurde.

Während der Führung habe ich mich zwischendurch gefragt, wie viele Leute aus meiner Gruppe wohl deportiert würden. So viele Gewerkschaftsmitglieder, politisch eigen denkende und freiliebende Menschen. Die Meisten würden wohl mit dem roten Winkel (politisch) gekennzeichnet werden und einige mit dem rosa (homosexuell) oder dem schwarzen (asozial) Winkel. Das sind Dreiecke, über der Brust aufgenäht, um die Häftlinge zu kennzeichnen. Natürlich sind diese Gedanken rein spekulativ, weil wir die Situation dieser Zeit ganz schwer nachvollziehen können. Wer weiß schon, wie er*sie sich verhalten würde?

Nach der Führung haben sich alle Teilnehmenden, also ca. 1000 junge Menschen, zu einer Gedenkzeremonie versammelt. In der Schweigeminute drehten meine Gedanken dann durch. Plötzlich war ich erfüllt mit Weltschmerz. Mir wurde klar, dass das hier nicht der einzige Genozid auf der Welt ist. Dass es unenedlich viel Leid und Grausamkeit gibt. Meine Gedanken rasten von der Apartheit zu der Unterdrückung von Frauen biz zum Genozid in Ruanda. Und ich musste daran denken, wie ich beim Frühstück scherzhaft unserem Teamer verboten hatte, sich zu uns zu setzen, ich behauptete, dass er stinke. Zwar wusste ich, dass er den Scherz verstanden hatte und mir anscheinend nichts übel nahm. Dennoch wurde mir klar, dass Diskriminierung bereits an solchen Stellen beginnen kann. 

Ich musste mich fragen, wie ein guter Gott so viel Schmerz zulassen kann, ob es das Reich Gottes auf Erden wirklich jemals geben kann.

Ich dachte darüber nach, was Mensch-Sein bedeutet. Was heißt „Menschlichkeit“? Liebe oder Grausamkeit? 

Die Träne, die meinen Hals hinuter lief, fühlte sich an wie ein Messer und ich musste schlucken, als ich das jüdische Totengebet, das gesungen wurde, hörte. 

Auf dem Rückweg dachte ich mir, dass es schon gut ist, dass wir jetzt wahrscheinlich begriffen haben, wie schrecklich Diskriminierung und Faschismus sind. Aber warum überlegen wir nicht, wie wir aktiv dagegen vorgehen können?

Donnerstag (Nadia)

Nadias Eindrücke vom Donnerstag:

„NRW“ läuft heute durch das jüdische Viertel Kazimierz in Krakau und besucht Oskar Schindlers Fabrik. Dort befindet sich eine Ausstellung mit dem Thema jüdisches Leben in Krakau und zum Nationalsozialismus. Wir hatten eine Führung, wobei viele die Ausstellung für selbsterklärend befunden haben. So hatte man durch die Führung oft keine Zeit, um sich die einzelnen Räume genauer anzuschauen. Wir würden von Raum zu Raum geführt, einem Zeitstrahl folgend. Die ersten Räume veranschaulichten den Anfang des Krieges durch Erzählungen, Bilder, Filme und Waffen. Die ausgehängten Verordnungen bringen einem die Strenge und Genauigkeit der Nazis näher. Die zitierten Erzählungen konnten uns die Stimmung im Ghetto vermitteln, wo mehrere Familien in einem Zimmer Leben mussten (2 Quadratmeter pro Person wird geschätzt). Besonders beeindruckend fand ich die Erzählungen der Kinder, die genau beschreiben, wie sie durchgehend von Fremden beobachtet und belauscht werden. Nachgebildete Mauern grenzen die Räume, die das Ghetto thematisieren ab. Die noch erhaltenen Reste der Mauer sahen wir uns nach einer Essenspause an. Mit einer Führung sind wir durch das jüdische Viertel gelaufen und haben eine Menge über das jüdische Leben in Krakau gelernt – in der Vergangenheit und Gegenwart. Im Anschluss waren wir noch ein wenig auf dem Flohmarkt bummeln. Schon seltsam, dass wir im jüdischen Viertel das „Eiserne Kreuz“ mit Hakenkreuz erwerben könnten. Auch SS-Zeichen und alte Soldatenhelme konnten dort gekauft werden. Uns wurde schlecht. 

Am Abend habe ich ein paar nette Menschen vom Bund der alevitischen Jugend im Hostel getroffen und habe schön mit ihnen gegessen und getrunken. Nach vielen Gesprächen über Gott, die Welt und Politik sind wir alle gespannt auf morgen – die Tour nach und durch Auschwitz. 

Mittwoch (Nadia)

Nadia von der KSJ  hat über ihre Erlebnisse der letzten beiden Tage geschrieben:

Nach der langen und kräftezehrenden Busfahrt sind wir endlich in Krakau angekommen. 1000 junge Menschen mit einem Ziel: Gedenken, dass Auschwitz nie wieder sei. Wir sind in Zentral-Krakau in Hostles untergebracht, alle Teilnehmenden aus einem Bundesland jeweils gemeinsam – wir also im Hostel „NRW“. Die Gruppen sind dieselben, wie beim Vorbereitungswochenende und innerhalb dieser Gruppen wurde auch die Zimmeraufteilung gemacht. Ich finde es super, dass es die selben Gruppen sind! Da das Thema der Fahrt ein sehr emotionales ist, fühle ich mich bei bekannten Gesichtern direkt mehr aufgehoben. Vom BDKJ DV Köln sind wir nämlich nur zu siebt – Teamende und Teilnehmende. Am Abend gibt es dann für die Teilnehmenden tatsächlich nichts mehr zu tun, als die Stadt zu erkunden und endlich etwas Warmes zu essen. Wir haben auch schon ein gemütliches Lokal beim Hostel um die Ecke entdeckt.

Erinnern oder erleben?

Was mich nachhaltig beschäftigt ist der Besuch in Schindlers Fabrik am heutigen Nachmittag. Das ehemalige Verwaltungsgebäude steht noch und ist in ein Museum umgewandelt worden. Die Fabrikanlagen selber exisitieren nicht mehr.

Das Museum besteht aus recht engen Gängen, wir müssen also dem vorgegebenen Weg folgen, und dieser ist sehr bewusst inszeniert. Im Kopf geblieben ist mir vor allen Dingen der Gang, der uns angekündigt wurde mit „so sah es damals in Krakow aus“: In der Flucht eine in voller Pracht beleuchtete und aufgezogene Hakenkreuz-Flagge, sodass wir nicht anders können als darauf zuzulaufen. Der Raum ist komplett gefließt mit Hakenkreuz-Fliesen („auch wenn man damals dafür getötet worden wäre“). Die Möglichkeit, sich eine eigene Karte mit dem Stempel des Generalgouvernements zu versehen (später gibt es auch den Davidstern und Hammer und Sichel). Wenig später sind Bilder von am Galgen hängenden Menschen zu sehen, im Hintergrund hört man Schreie und das Klappern des Galgens. Es wird viel gearbeitet mit Geräuschen, Lichteffekten, verschiedene Beschaffenheiten des Bodens (von Pflastersteinen bis hin zu groben Kies im Raum der dem Lager Paszow gewidmet ist). Ich laufe zwischen den Nachbildungen der Mauern des Krakower Ghettos und fühle mich unweigerlich erinnert an meinen kürzlichen Besuch im Odysseum in Köln. Das hier ist ein grundsätzlich anderer Umgang mit der NS Geschichte als ich es gewohnt bin.

Die Meinungen in unserer Gruppe gehen auseinander: Auf der einen Seite scheint der Erlebnischarakter gut anzukommen, Interesse zu wecken, wo vielleicht die Schule zu einer Übersättigung des Themas beigetragen hat.

Ich selber bis mindestens irritiert. In einem Gespräch vor der Fahrt habe ich formuliert, dass ich im Grunde genommen erwarte, mich von dem Ort und der Situation auf einer emotionalen Ebene berühren zu lassen und keine bloße Außenperspektive einzunehmen – eine rein äußerliche Betrachtung scheint mir für mich fast schon unangemessen (und eigentlich auch unmöglich). Aber diese Art der Ausstellung provoziert in meinen Augen eine Emotionalität, lässt wenig Räume für Abstand und suggeriert an einigen Stellen ein Nachempfinden der Situation der Verfolgten des NS Regimes – und das halte ich für falsch und gefährlich, denn es wird den Opfern nicht gerecht. Ein solches Nachempfinden und Verstehen ist letztendlich – zum Glück – unmöglich.

Außerdem finde ich, dass der Anspruch an die Intensität der Emotionalität nicht auf Seiten der Ausstellung sondern auf der der*des Betrachtenden definiert werden muss. 

Dieses Thema der Gedenkstättenpädagogik hat mich schon auf dem Vorbereitungsseminar interessiert und darum kann ich eine Leseempfehlung weitergeben, die ich bekommen habe:

Gedenkstättenrundbrief 162, (8/2011), S. 3-9 – Für eine Modernisierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur (Harald Welzer)

und

Gedenkstättenrundbrief 164, (12/2011), S. 3-8 – Modernisierung oder „Neuformatierung“? Was Gedenkstätten für ihre reflexive Weiterentwicklung (nicht) brauchen, Ulrike Schrader und Norbert Reichling (Stellungnahme zu dem ersten Text)

Leider kann ich keinen Link angeben (das Internet gibt das gerade nicht her), aber google hat die Dokumente das letzte Mal gefunden.

Morgen fahren wir zu der Gedenkstätte in Auschwitz. Ich bin gespannt, wie dort mit dieser Frage umgegangen wird.

Ankommen und Vorbereiten

Tatsächlich, wir sind angekommen. Und egal wie lange die Fahrt auch gedauert hat: Ich kenne Reisebusse eigentlich nur in Kombination mit 40 Kindern und Jugendlichen, deswegen gestaltete sich die Fahrt vergleichsweise entspannt. Die Beschaffenheit der Unterkunft führt dazu, dass das Einrichten und Beziehen der Betten einer Kooperationsübung gleichkommt, da lernt man sich direkt kennen – super :)!

 Morgen geht es dann los, mit Krakow, dem jüdischen Viertel und der Fabrik von Otto Schindler. Die Gedenkstätte in Auschwitz selber werden wir am Freitag besuchen. Der Samstag ist dem Ort Oswiecim gewidmet, mit Workshops und einer abschließenden Gedenkveranstaltung.

Auf der Busfahrt habe ich es endlich geschafft, die Biografie von Maximilan Kolbe, die ich geschenkt bekommen habe, zu Ende zu lesen. Dessen Geschichte hat mich auf dem Vorbereitungsseminar schon intensiv beschäftigt.

Mit einigen der MitfahrerInnen habe ich mich über skurrile Situationen unterhalten, in denen uns andere Menschen reflexartig viel… äh… Spass ja eher nicht… hmm. Glück? Auf jeden Fall interessante Erfahrungen, gewünscht haben. Ich für meinen Teil freue mich tatsächlich auf die Tage, die vor mir liegen. Die Gesellschaft ist sehr nett und ich finde es total spannend nicht kirchliche Jugendverbände kennenzulernen. Dem Besuch der Gedenkstätte sehe ich mit gemischen Gefühlen entgegen: Ich erwarte, dass mich dieser Ort aufwühlen wird und bin auf alle Fälle sehr gespannt.

Jetzt geht´s los in die Stadt. Auf ein polnisches Bier und irgendein leckeres Essen.

Gut angekommen 

Kraków ist doch weiter weg, als man denkt. 18 Stunden Fahrt sind schon recht anstrengend. Jetzt gerade werden die Zimmer verteilt und die Gruppen der Vorbereitungsseminare suchen sich. Anspannung, Erschöpfung und Vorfreude mischen sich – aber die Stimmung ist gut! 

   

Gemeinsam ein Zeichen setzen

Heute abend machen sich 1.000 JugendverbandlerInnen auf den Weg nach Kraków und Oświęcim. Die Gedenkstättenfahrt beginnt nach Monaten der intensiven Vorbereitung. Die letzen Listen sind gedruckt, die Taschen gepackt, das Programm ist geplant und wir sind guter Dinge.

Zunächst wird der Programm-Schwerpunkt auf Kraków liegen. Ein Stadtrundgang – vor allem durch das jüdische Viertel Kazimierz und eine Besichtigung der ehemaligen Fabrik Oskar Schindlers prägen die ersten beiden Tage.

Am Freitag dann wird die Gruppe das ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau besichtigen. In der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (IJBS) bleibt dann Zeit und Raum für den Austausch.

Eindrücke und Berichte der Fahrt finden sich hier in diesem Weblog und in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #70yllf („70 years later, looking forward“)

Dass Auschwitz nie wieder sei!

Unter diesem Titel von Theodor W. Adorno haben sich viele Jugendverbände zusammengeschlossen, um gemeinsam zu erinnern, zu gedenken und Auschwitz zu besuchen.

Auschwitz, dieser Name, dieser Ort steht wie kein anderer für die Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung von Millionen Jungen und Mädchen, Männern und Frauen. Gemeinsam machen sich beinahe 1.000 Jugendliche aus Deutschland, Österreich und auch aus Israel auf den Weg, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und ein Zeichen zu setzen, dass wir uns der Verantwortung stellen.

Auf diesen Seiten wollen TeilnehmerInnen aus den Mitgliedsverbänden des BDKJ in der Erzdiözese Köln ihre Eindrücke der Fahrt schildern.